Der gottlose Handschuh

Die #MeToo-Debatte ist inzwischen gut zwei Jahre alt und seit ihrem Beginn wieder weitgehend in Vergessenheit geraten. Das Problem des sexuellen Missbrauchs, der sich insbesondere gegen Frauen richtet, ist geblieben. Am deutlichsten zeigt dies sich derzeit wohl in Südafrika. Obgleich in der Regenbogennation, wie Desmond Tutu das Land einst bezeichnete, die Problematik seit Jahrzehnten besteht, hat sich erst 2019 ein international wahrnehmbarer Protest formiert. Dabei belegt bereits eine Studie aus dem Jahr 2009, dass rund ein Drittel aller Männer schon mindestens ein Mal eine geschlechtsbezogene Gewalttat begangen hat. Dieselbe vom Medical Research Council in Südafrika durchgeführte Studie zeigt auch, dass über die Hälfte jener Täter in ihrer Kindheit selbst Opfer von physischer oder psychischer Gewalt sowie Vernachlässigung war, wie Mia Malan vom Bhekisisa Centre for Health Journalism erklärt.1 Hier also einen Zusammenhang zwischen (früh-) kindlichen Traumata und erhöhter Gewaltbereitschaft herzustellen, liegt durchaus nahe. Doch was angesichts der erschreckenden Zahlen zunächst als spezifisch südafrikanisches Phänomen erscheinen mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als internationales Problem. Dies veranschaulicht bspw. Fatih Akins Kino-Schocker Der goldene Handschuh.

 

Freilich spielt Akins auf der Geschichte des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka basierender Film in den 1970er Jahren und scheint somit zunächst keinen Beitrag zur aktuellen Debatte liefern zu können. Zumal der Film weder nach Motiven sucht noch an sonstigen Erklärungen interessiert ist. Dies wird dem bzw. der Zuschauer*in auch gleich zu Beginn unmissverständlich klar gemacht. So fällt in der insgesamt zehnminütigen Eröffnungsszene kein einziges Wort. Stattdessen sitzt man vor der Leinwand bzw. dem Bildschirm und ist dazu verdammt, Honka bei den verzweifelten Versuchen zuzusehen, die Leiche seines ersten Opfers verschwinden zu lassen. Den nahezu unerträglichen Realismus verdanken die entsprechenden Einstellungen vor allem dem Sounddesign, welches das Zersägen von menschlichem Fleisch, das Brechen einzelner Knochen sowie das Platzen von Adern auf erschreckende Weise akustisch erlebbar macht.

 

Wohl auch aufgrund des hierdurch ausgelösten Ekels wurde und wird Der goldene Handschuh häufig als Horrorfilm deklariert. Tatsächlich fehlen dem Streifen aber einige der typischsten Merkmale dieses Genres. So tauchen bspw. keine übernatürlichen Monster auf, die einzelnen Morde werden trotz aller Brutalität nicht bildgewaltig zelebriert und letztlich erzeugt der Film auch keine Angst – zum einen, weil der Film nicht die Sicht der Opfer, sondern die des Täters einnimmt und zum anderen, weil die Geschichte natürlich durch Presseberichte oder Dokumentationen wie Der Frauenmörder von St. Pauli aus der Reihe Die großen Kriminalfälle (ARD) medial längst bekannt ist. Es ist somit von Anfang an klar: es werden Menschen sterben, und zwar Frauen. Tatsächlich hat man bei ebendiesen bisweilen den Eindruck, sie liefen sehenden Auges in ihr eigenes Unheil. Überhaupt ist die gruseligste Eigenschaft, die sowohl Opfer als auch Täter im Film verbindet, ihre auf unerfüllten Träumen und jahrzehntelangem Alkoholmissbrauch basierende Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal. Mord erscheint deshalb beinahe als Erlösung – für beide Seiten. Diese Tatsache wird vor allem in einer Szene deutlich, in der drei vom Leben enttäuschte Frauen in Honkas Stammkneipe Zum Goldenen Handschuh – daher auch der Name des Flms – die Einladung von Gisela, einer Majorin der Heilsarmee, ausschlagen und stattdessen die von „Fiete“, wie Honka von seinen Saufkumpanen genannt wird, annehmen. Während die erste dieser drei Frauen bereits auf dem Weg von der Kneipe zur Wohnung ihres Gastgebers symbolträchtig vor einer Kirche zusammenbricht und die zweite es noch rechtzeitig schafft, aus dem Haus zu fliehen, ist das Todesurteil für die dritte bereits gefällt.

 

Seitens öffentlich-rechtlicher Medien wurde deshalb mitunter kritisiert, der Film beraube Honkas Opfer ihrer Würde.2 Hierzu ist allerdings anzumerken, dass sie diese aus der Perspektive ihres Mörders, welche ja vom Publikum, wie eingangs erwähnt, übernommen wird, gar nie hatten. Man sieht also die Frauen und letztlich auch Honka selbst so wie auch er sie bzw. sich mutmaßlich gesehen haben wird, nämlich als gänzlich verwahrloste Verlierer*innen. Insofern ist z.B. Robert Hofmanns Kritik, es sei Akin misslungen, ein vollständiges Porträt von Honka zu zeichnen,3 völlig unberechtigt. Der aus der bildenden Kunst stammende Begriff des Porträts bezeichnet ja gerade die Darstellung einer Person, nicht aber deren Erklärung. Zudem handelt es sich bei Porträts stets um Momentaufnahmen, die zwar Historisches der jeweiligen Figur durchschimmern lassen können, aber auch hierbei keine endgültigen Aussagen zu treffen brauchen. Dies wird im Falle von Der goldene Handschuh in Bezug auf alle Figuren konsequent umgesetzt.

 

Neben dem Verzicht auf billige Westentaschenpsychologie soll vor allem das detailverliebte Szenenbild, insbesondere nämlich Honkas Wohnung sowie Stammkneipe, für Authentizität sorgen. Allerdings wird dieser naturalistische Ansatz regelmäßig von der übermäßig schrillen Maske gebrochen, welche die verschiedenen Charaktere zumindest optisch als Karikaturen ihrer selbst erscheinen lässt. Es entsteht hierdurch eine Bildästhetik, die irgendwie ein bisschen was von Die Lümmel von der ersten Bank zu haben scheint und ganz viel von Sketchup. Dies zeigt sich vor allem an der Figur des Fritz Honka, der in Wirklichkeit eher klein war, von zierlicher Gestalt und geradezu zarte Gesichtszüge hatte. Als hässlich erschien er den meisten seiner Zeitgenossen vor allem aufgrund der auffälligen Fehlstellung seiner Augen und seinen seit einem Unfall nur noch teilweise vorhandenen Schneidezähnen, die auch zu einem Sprachfehler führten, wofür der Verbrecher sich sein Leben lang schämte. Im Vergleich dazu erinnert Hauptdarsteller Jonas Dassler, nicht zuletzt dank seiner übertriebenen Körpersprache und dem nur bedingt glaubhaften, sächsischen Akzent, eher an Quasimodo.

 

Während des zweiten Akts erhält die Maske allerdings eine zusätzlich Funktion: nachdem Fritz Honka nämlich von einem Kleinbus angefahren und medizinisch behandelt wurde, erscheint ihm dies als Memento mori und er beschließt, dem Alkohol abzuschwören. Es wird zwar angedeutet, dass dieser selbstauferlegte, kalte Entzug sich zunächst, aufgrund starker Entzugserscheinungen, schmerzhaft gestaltet, schließlich findet Honka aber nicht nur einen neuen Job, sondern auch echten menschlichen Kontakt zu einer Arbeitskollegin und deren Ehemann. Während dieser Phase des Films ist plötzlich auch die Fehlstellung von Honkas Augen behoben. Ausgerechnet die besagte Kollegin verleitet ihn allerdings zum Rückfall, was letztlich einen Vergewaltigungsversuch seinerseits nach sich zieht. Ab hier ist die Abwärtsspirale unaufhaltsam. Er versackt aufs Neue im Goldenen Handschuh und begeht kurz darauf einen weiteren Mord. Als Täter wird er am Ende nur durch Zufall entlarvt, weil in seinem Haus ein Feuer ausgebrochen war und die Feuerwehr beim Löschen Leichenteile in seiner Wohnung findet.

 

All diese Ereignisse orientieren sich ziemlich exakt an den historischen Fakten, welche in Heinz Strunks gleichnamigem Roman von 2016 im Detail beschrieben sind. Dieser diente zugleich auch als Vorlage für den Film – und Strunk selbst hat sogar einen Cameo-Auftritt. Was bei der filmischen Umsetzung allerdings völlig konstruiert und somit auch überflüssig erscheint, ist die Rahmenhandlung um eine blonde Oberstufenschülerin, der Honka relativ zu Beginn des Films Feuer für ihre Zigarette gibt und auf die er fortan alle seine erotischen Fantasien projiziert. Die entsprechenden Szenen wollen einfach nicht recht zur Gesamtgeschichte passen und erscheinen auch im Hinblick auf die sexuellen Präferenzen des historischen Fritz Honka, der eine offenkundige Vorliebe für reifere Frauen hatte, deplatziert.

 

Man kann also durchaus behaupten, dass keine der zentralen Figuren des Films eine nennenswerte Entwicklung durchmacht, was die filmtheoretisch spannende Frage aufwirft, welches Element hier eigentlich die Geschichte vorantreibt. In diesem Zusammenhang prägte Alfred Hitchcock den Begriff des MacGuffin, d.h. eines Gegenstandes, der nicht genauer definiert wird, außerhalb des Films keinerlei Bedeutung besitzt, für die Protagonist*innen hingegen von großem Wert ist. Während als typische Beispiele hierfür regelmäßig Rosebud aus dem Film Citizen Kane (1941), der Teppich aus The Big Lebowski (1998) oder der Stein der Weisen bei Harry Potter (2001) genannt werden, lässt sich in Bezug auf Der goldene Handschuh durchaus der Alkohol als MacGuffin betrachten, um den letzten Endes die gesamte Handlung kreist. Mangels erkennbarer Feinde unter Honkas Mitmenschen, dient der Alkohol aber zugleich als zentraler Antagonist. Während es also einerseits das exzessive Trinkverhalten Honkas ist, dass überhaupt eine Handlung herbeiführt, so ist es andererseits ebenso dafür verantwortlich, dass eine positive Entwicklung Honkas ausnahmslos verhindert wird. Der goldene Handschuh handelt somit nur bedingt von einem Mörder. In erster Linie handelt der Film von einem Alkoholiker.

 

Auch hierbei lässt der Film das Publikum allerdings mit der Frage nach dem Grund für das Suchtverhalten allein. Fritz Honkas Bruder Siggi formuliert es im Film so: „Es gibt genau drei Gründe, warum der Mensch trinkt. Erstens, um was Schlimmes zu vergessen. Zweitens, um was Schönes zu feiern. Und drittens, wenn mal nix los ist, dass was passiert.“ Treffender lässt sich das Elend der Alkoholkrankheit kaum beschreiben. Außerdem wird hierbei deutlich, dass Honkas Schicksal ein völlig alltägliches ist. Der Film als socher kann somit auch als Kommentar zu Hannah Ahrendts These von der Banalität des Bösen verstanden werden, welches aber ständig mit der Radikalität des Bösen kontrastiert, wie sie bei Immanuel Kant begegnet.

 

Beides scheint jedoch aus der Gewissheit der Hauptfigur zu erwachsen, ein Gescheiterter zu sein. Immerhin handelt es sich bei Fritz Honka um einen letztlich bedauernswerten Menschen, der permanent an seinen eigenen, spießbürgerlichen Idealen scheitert. Das verzweifelte Bedürfnis, wenigstens eines hiervon aufrecht zu erhalten – nämlich das des Patriarchats – führt dann immer wieder zu mörderischer Misogynie.

 

Auch hierin zeigt sich die Aktualität des Films. Dass nämlich gerade Frauen die Opfer Honkas werden, ist beinahe Zufall. Das zugrundeliegende Versagen, für das andere verantwortlich gemacht werden, hat er auch mit Terroristen wie Anders Behring Breivik oder Stephan Balliet, dem Anschlagstäter von Halle, gemeinsam. Während Ersterer vor allem weltoffene Demokrat*innen als Feindbild betrachtete, hatte es Letzterer zunächst auf Juden und Jüdinnen abgesehen. Beide zeichnen sich jedoch durch ein offenkundig rassistisches Weltbild aus, das auch bei Honka immer wieder anklingt, wenn er bspw. für den Verwesungsgestank in seiner Wohnung die vermeintlich zweifelhaften Kochkünste seiner griechischen Nachbarn verantwortlich macht. Umgekehrt sollen aber auch die beiden genannten Terroristen frauenfeindliche Motive gehabt haben, was sich u.a. daran zeigt, dass sie sich den sog. Incels (involuntary celibates) zurechneten,4 d.h. Männern, die angeblich deshalb auf sexuelle Erfüllung verzichten müssen, weil einheimische Frauen ihnen männliche Einwanderer als Geschlechtspartner vorziehen. Derartige Gedanken sind an Absurdität kaum zu überbieten. Das spiegelt auch der Film wider.

 

Dem präkonditionierten Zuschauer*innenbedürfnis, nun endlich eine schwere Kindheit als Rechtfertigungsmodell für all das Übel in Honkas Leben zu offenbaren, gibt der Film dennoch an keiner Stelle nach. Das tut er auch deshalb nicht, um nicht eine ganze Generation von Nachkriegswaisen, deren Kindheit ähnlich wie die von Honka verlaufen sein mag, unter Generalverdacht zu stellen. Der Streifen fragt nicht danach, woher gewisse Lebensumstände kommen, deutet jedoch an, wohin sie führen. Und damit könnte er der Realität näher kommen als man meinen mag. Schließlich zeigt sich in der Biografie des historischen Fritz Honka, dass nicht etwa ein bestimmtes Trauma monokausal als Ursache seiner niederträchtigen Taten identifiziert werden kann, dass aber umgekehrt die Morde ein Trauma verursachten. So litt der nach seiner Haft, ab 1993, in einem Scharbeutzer Altenheim unter dem Pseudonym Peter Jensen lebende Honka unter Wahnvorstellungen und soll sich beim Personal über Leichengeruch in seinem Domizil beklagt haben. Angesichts dessen dürften fromme Unkenrufe, die Beschäftigung mit einer derlei düsteren Literaturverfilmung seien ganz und gar unredlich, vorprogrammiert sein. Nimmt man jedoch die Berufung ernst, Licht der Nationen (Jes 49,6; 51,4) bzw. der Welt (Mt 5,14) zu sein, so schließt dies idealerweise mit ein, dass auch Abgründe des menschlichen Daseins betrachtet werden, auf die Berge von Tabus für gewöhnlich lange Schatten werfen.

 

 

 

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 7. November 2019
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