Es verendet.

Und wieder einmal treibt der Gestaltwandler mit dem wohl markantesten Make-up ganz Neuenglands sein Unwesen. So ist nicht eben überraschend, dass, genau wie der erste Teil der Dilogie, auch Es Kapitel 2 insbesondere von seiner Bildästhetik lebt. Umso bedauerlicher ist hingegen, dass vor allem der dritte Akt des Films zu stark auf CGI setzt. Dabei wäre das, angesichts der großartigen Besetzung, gar nicht notwendig. Trotz zahlreicher Rückblenden ins Jahr 1989, die Jugendzeit des aus dem ersten Teil bekannten 'Club der Verlierer' alias Bill, Ben, Bev, Stan, Mike, Richie und Eddie, geht es in Es Kapitel 2 vorrangig um die Begegnung der inzwischen 27 Jahre älteren Charaktere mit dem bevorzugt als Clown Pennywise erscheinenden Es.

 

Neben der erneut meisterhaften Darstellung desselben durch Bill Skarsgård, wird das Line-up auf der Seite der 'Verlierer' von Jessica Chastain (Beverly) und James McAvoy (Bill) angeführt. Letzterer, so darf man wohl mutmaßen, wurde nicht zuletzt aufgrund seines inzwischen großen Namens in Hollywood für den Film verpflichtet. Es drängt sich jedoch bisweilen der Verdacht auf, McAvoy sei ursprünglich für eine andere Rolle vorgesehen gewesen, da er seinem jugendlichen Ich, gespielt von Jaeden Martell, so gar nicht ähnelt. Allerdings scheint die Rolle des stotternden Bill eine willkommene Möglichkeit geboten zu haben, den gelegentlich durchschimmernden schottischen Akzent McAvoys zu kaschieren. Nahezu alle übrigen Schauspieler*innen weisen jedoch eine verblüffende Ähnlichkeit zu ihrer jeweils 27 Jahre jüngeren Version auf. Am deutlichsten tritt dieser Effekt bei James Ransone zutage, der den erwachsenen Eddie gibt, welcher im ersten Film sowie den Rückblenden von Jack Dylan Grazer verkörpert wird. Dabei entsprechen Ransones Sprachduktus, Mimik, Übersprungshandlungen, Humor und Manierismen bis ins letzte Detail so sehr denen Grazers, dass man beide in der Tat für ein und dieselbe Person halten kann.

 

Ähnliches gilt für die Darstellung von Richie durch Finn Wolfhard (jugendlich) bzw. Bill Hader (erwachsen). Es entpuppt sich hier als hervorragende Wahl der Macher, dass ein Comedian für den Part verpflichtet wurde. Dieser hört nämlich, trotz aller mimetischen Finesse, nie ganz auf, er selbst zu sein. Während also auf der Leinwand der Kampf des Guten gegen das Böse tobt, scheint der Phänomenalleib1 Haders selbst zu einer Leinwand zu werden, auf welcher der Kampf Darsteller vs. Rolle ausgetragen wird. Die hierdurch erzeugte Spannung überträgt sich durchaus auch auf andere Ebenen des Films und ist etwas, das selbigen im positiven Sinne auszeichnet.

 

Aber worum geht es denn eigentlich konkret? Nun, während im Vorgänger von 2017 die Protagonist*innen sich noch gegen die Ignoranz der Erwachsenen und nicht zuletzt die jeweils eigene Herkunftsfamilie durchsetzen mussten, so beginnt dieser Film damit, dass die meisten von ihnen mittlerweile selbst Familien gegründet haben. Auffällig ist dabei, dass einige von ihnen, einem bekannten psychologischen Muster folgend, quasi ihre eigenen Eltern geheiratet haben – zumindest was Optik und Charaktereigenschaften angeht. Auf die Spitze getrieben wird diese Tatsache, indem sowohl die Mutter von Eddie (Andy Bean) als auch seine Frau durch dieselbe Schauspielerin verkörpert wird, nämlich Molly Atkinson.

 

Dies deutet bereits an, dass während es im ersten Teil der Filmreihe im Wesentlichen um die Angst vor Erwachsenen bzw. dem Erwachsenwerden geht, der zweite Teil vorrangig von der Angst vor dem Erwachsensein handelt. Das Coming-of-Age-Drama wandelt sich somit zu einem Being-of-Age-Drama, als dessen Hauptthema sich die jeweilige Traumabewältigung geriert.

 

Die Initialzündung hierzu bildet Mikes (Isaiah Mustafa) Recherche, derzufolge Es durch das geheime Ritual von Chüd endgültig besiegt werden könne. Das voodooesk anmutende Zeremoniell erfordert jedoch persönliche Gegenstände aller Beteiligten aus der mittlerweile 27 Jahre zurückliegenden, ersten Begegnung mit der bösartigen Entität. Die Gegenstände zu beschaffen erweist sich, wenig überraschend, als verzwickt und bei der damit einhergehenden Traumabewältigung stellt sich, filmisch betrachtet, nach einiger Zeit eine gewisse Eintönigkeit ein. Aus therapeutischer Sicht hingegen sind die individuellen Bewältigungstechniken durchaus interessant.

 

Bill zum Beispiel, der noch immer unter dem Eindruck leidet, den inzwischen 28 Jahre zurückliegenden Tod seines jüngeren Bruders Georgie verantwortet zu haben, erkennt diese Vorstellung allmählich als dysfunktionalen Glaubenssatz und bedient sich des kognitiven Umstrukturierens. Beverly hingegen verfolgt einen eher psychoanalytischen Ansatz, welcher dem Zuschauer Einblick in die höchst toxische Beziehung zwischen Tochter und Vater vermittelt, was bereits im Vorgängerfilm angedeutet wurde. Ein weiterer Weg wird von Ben beschritten, der sich mittels Reframing vom vermeintlich unbeliebten Neuling zum geliebten Freund entwickelt. Als Katalysator dieser Entwicklung fungiert sein von Beverly signiertes Jahrbuch von 1989. Auf dieselbe Weise sammeln nun alle Mitglieder des 'Clubs der Verlierer' auratische Objekte, was trotz aller tiefenpsychologischen Vielschichtigkeit zu gewissen Längen führt sowie zu einer Gesamtlaufzeit von knapp drei Stunden.

 

Die besagten Objekte sollen nun im Ritual von Chüd als klassische Ersatzopfer zur Überwältigung des Bösen dienen. Dabei ist offenkundig, dass Über- sowie Be-wältigung traumatologisch betrachtet letztlich ein und denselben Vorgang darstellen, weswegen das von archaischem Animismus inspirierte Ritual im post-humanistischen Zeitalter ziemlich albern wirkt. Womöglich haben aus diesem Grund Drehbuchautor Gary Dauberman und Regisseur Andy Muschietti entschieden, sich gegenüber der Romanvorlage von Stephen King, der übrigens auch selbst eine kleine Sprechrolle übernimmt, einige Freiheiten zu erlauben und die esoterischen Elemente des ominösen Rituals ein wenig zu minimieren. Interessant ist jedoch, dass hierbei ein aus dem Besitz amerikanischer Ureinwohner stammendes Ledergefäß mit piktografischen Einritzungen eine zentrale Rolle spielt, dessen Form deutlich an einen Hut erinnert. Assoziationen mit der mormonischen Gründungslegende rund um Joseph Smith sind daher naheliegend. Schließlich soll dieser mittels zweier in einem Hut platzierten Sehersteine angeblich reformägyptische Texte aus dem Altertum übersetzt haben, welche eine israelitische Herkunft gewisser amerikanischer Ureinwohner postulierten.

 

Theologisch noch weitaus spannender ist allerdings die Darstellung der dem Film zugrunde liegenden, bösen Macht sowie ihrer Eigenschaften. Diese weisen nämlich deutliche Parallelen zum Gottesbild der lurianischen Kabbala auf, als da wären: die archetypische Erscheinungsform als Lichtwesen, der monistische Makrokosmos namens Derry und die daraus resultierende Immanenz des Bösen sowie dessen Abhängigkeit vom menschlichen Tun bzw. hier der menschlichen Angst. Anders als in der Kabbala, deren Gottesvorstellungen schließlich weiterentwickelt werden zum En Sof, einem letztlich nicht fassbaren Wesen, das weder Anfang noch Ende besitzt, erweist sich Es mangels Aseität im Endeffekt als Karikatur Gottes.

 

Als Zuseher fühlt man sich somit leicht an das paulinische Diktum vom als Engel des Lichts getarnten Satan erinnert (vgl. 2Kor 11,14). Diese Reminiszenz scheint durchaus gewollt, was nicht völlig überrascht, wenn man bedenkt, dass der für die Adaption des Drehbuchs zuständige Gary Dauberman selbst gläubiger Christ ist.

 

Abgesehen von seinen großen Stärken in Bezug auf Tiefenpsychologie, Religionsphänomenologie und vor allem Theologie, lässt der Film allerdings auch einige Fragen offen. So bleibt etwa wenig nachvollziehbar, weswegen zwar eigentlich sämtliche 'Verlierer' nach ihrem Umzug aus Derry von einer geheimnisvollen Amnesie befallen sind, ausgerechnet Stan sich aber an genügend Details zu erinnern scheint, um daraus die schlimmsten Konsequenzen zu ziehen. Ähnlich rätselhaft bleibt die Tatsache, dass die Mitglieder des 'Clubs der Verlierer' zu Beginn Mühe haben, einander wieder zu erkennen, während sie Henry Bowers, den stetigen Peiniger aus ihrer Jugendzeit, auf Anhieb identifizieren – und das obwohl am Ende des Vorgängerfilms der Eindruck entstand, Henry sei gar nicht mehr am Leben. Fraglich ist außerdem welchen dramaturgischen Zweck die Szene am Rande eines Baseballspiels erfüllen soll, in welcher ein kleines Mädchen Pennywise zum Opfer fällt, was jedoch für den weiteren Verlauf der Geschichte keinerlei Relevanz besitzt. Schließlich ist auch die Frage diskutabel, ob die wenig subtile Thematisierung von Homosexualität und Homophobie zu Beginn des Films nicht einfach zu dick aufgetragen ist. Immerhin wird dieselbe Thematik auf wesentlich einfühlsamere Weise anhand des Schicksals von Richie aufgegriffen und sorgt hierbei auch für einige Überraschungen.

 

Rein faktisch betrachtet ist auch insofern Kritik angebracht, als der Film einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, denn: der Jude stirbt als Erster und der Schwarze ist zurückgeblieben – zurück in Derry, um genau zu sein (auch wenn sich diesbezüglich im etwas zu pathetisch geratenen Finale des Films noch eine Veränderung anbahnt). Dennoch dürfte der größere Skandal für das Publikum des 21. Jahrhunderts der sein, dass Beverly noch immer raucht, und zwar nicht etwa hipsterkonforme E-Zigaretten, sondern schnöde Glimmstängel aus Tabak, Papier und Filter.

 

Der größte Fehler, den der Film begeht, ist jedoch die Tatsache, dass er viel zu viel über Herkunft, Motivation und die wahre Identität von Pennywise preisgibt, wodurch die böse Macht völlig ihres Mysteriums beraubt wird. Während schon im ersten Teil der Reihe das Happy End die Intensität des Films ungünstig relativierte, so wirkt Es Kapitel 2 bisweilen gar wie eine Folge von Scooby Doo. Zwar wurden künftige Fortsetzungen schon weitgehend ausgeschlossen, allerdings bleibt zu befürchten, dass Prequels dazu dienen könnten, die Cashcow weiter erbarmungslos zu melken.2 Die fortschreitende Entmystifizierung sowie der damit einhergehende Qualitätsverlust sind so bereits vorprogrammiert. Die Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen...

 

1Vgl. Fischer-Lichte E 2000. Theater im Prozess der Zivilisation. Tübingen: Francke, S. 11.

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 7. November 2019
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