Swiss Artsy Man

Zugegeben, lebende Tote sind im abendländischen Drama nichts gänzlich Unbekanntes. In der Hochkultur, so etwa in Shakespeares Hamlet, treten sie häufig als auktoriale Mahner auf, in der Popkultur hingegen vor allem als gehirnfressende Zombies, wie insbesondere im ersten Teil von Simon Peggs sog. Cornetto-Trilogie. Und selbst in der orientalischen Literatur, nicht zuletzt der Bibel, wird von Gesprächen zwischen Lebenden und Toten berichtet (vgl. 1 Sam 28). Dass ein Verstorbener aber nicht etwa nur ein Statistendasein fristet, sondern selbst zum Protagonisten wird, das ist dann doch eher ungewöhnlich. Zumal der besagte Verstorbene weder als ätherisches Geistwesen dargestellt wird noch als blutrünstiger Untoter, sondern als das, was er tatsächlich ist, nämlich ein verwesender Leichnam. Ein Leichnam mit offenbar chronischen Flatulenzen, um genau zu sein.

 

Dennoch legen Daniels, wie sich das verantwortliche Regisseur- sowie Autorenduo bestehend aus Daniel Kwan und Daniel Scheinert nennt, zurecht wert darauf, dass es sich bei Swiss Army Man (2016) nicht um einen Comedystreifen mit billigen Furzwitzen handelt.1 Auch wenn die regelmäßigen Pupsszenen durchaus eine gewisse Comic-relief-Wirkung erzielen, so bringen sie den Zuschauer dennoch nicht zum Lachen. Vielmehr fungieren sie innerhalb des Films als Symptom für die völlige Unbekümmertheit des besagten Leichnams (Daniel Radcliffe), welche mit der geradezu pathologischen Menschenfurcht seines lebendigen Gegenübers, dem suizidalen Hank (Paul Dano), kontrastiert.

 

Schon allein diese Grundidee ist so surreal, dass sie neben Benh Zeitlins Beasts of the Southern Wild (2012) mit Fug und Recht als eine der kreativsten der jüngeren Kinogeschichte gelten darf. Aber ganz von vorn: Hank ist durch nicht näher erläuterte Umstände auf einer winzigen Insel ohne Süßwasser und nennenswerte Überlebenschancen gestrandet, weswegen er im Begriff ist, seinem Leid ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Von diesem Vorhaben wird er jedoch im letzten Moment abgehalten, als er plötzlich den leblosen Körper einer weiteren, angespülten Person am Strand entdeckt. Groß ist seine Enttäuschung zwar als er bemerkt, dass der Gestrandete nicht mehr am Leben ist, umso größer aber seine Freude nachdem er herausfindet, dass sich die andauernden Flatulenzen des Toten hervorragend als Antrieb im Wasser eignen. So gelingt es Hank schließlich, auf dem Rücken der Leiche, wie auf einem Jet-Ski reitend, das Festland zu erreichen.

 

Dieser Anfang lässt freilich keinen Zweifel daran, dass die Antworten auf sämtliche Fragen, die der Film durchaus zahlreich aufwirft, keineswegs im Konkreten zu finden sind, sondern lediglich im Metaphorischen. So entdeckt Hank denn auch im weiteren Verlauf der Geschichte unzählige neue, außergewöhnliche Fähigkeiten des von ihm gefundenen Leichnams (daher der Titel Swiss Army Man – in Anlehnung an das ähnlich vielseitige Schweizer Taschenmesser), welchen er Manny tauft und der schließlich sogar zu sprechen beginnt. Mehr und mehr bemüht Hank sich nun, Manny anhand von Bildern, Modellen und Rollenspielen all die sozialen Gepflogenheiten zu erläutern, welche jener schon längst vergessen zu haben scheint. Dies wirkt nicht nur wie eine Selbsttherapie, sondern ist es sicher auch, wie sich zeigt als allmählich immer deutlicher wird, dass Hanks anfänglicher Schiffbruch offenbar kein Unfall war, sondern eine bewusste Flucht vor der Gesellschaft im Allgemeinen und einer unerwiderten Liebe im Speziellen.

 

Fortan schmieden beide, Hank und Manny, den gemeinsamen Plan, einen Weg zurück in die Zivilisation zu finden, um das Herz der Angebeteten zu erobern. Dass es sich um einen Independent-Streifen handelt und nicht etwa um einen Hollywood-Blockbuster wird spätestens in dem Moment deutlich, als dieser Plan gründlich scheitert, Manny zu allem Überfluss auch noch in seine anfängliche Totenstarre zurück verfällt und sich außerdem herausstellt, dass die beiden sich offensichtlich die ganze Zeit über nur wenige hundert Meter außerhalb von Hanks Heimatort aufgehalten hatten, was diesen natürlich als völlig verrückt erscheinen lässt – zumal er eisern an der Behauptung festhält, Manny sei lebendig, weswegen er dessen leblosen Körper entführt und zurück zum Strand bringt.

 

Nachdem Polizei, Feuerwehr, Hanks inzwischen ebenfalls eingetroffener Vater sowie seine große Liebe mitsamt Familie sich gleichermaßen am Ufer eingefunden haben, geschieht etwas im wahrsten Sinne des Wortes Märchenhaftes, was den Zuschauer nun doch auf unerwartete Weise mit der Geschichte versöhnt: nachdem zunächst Hank selbst vor versammelter Mannschaft laut hör- und offenkundig auch riechbar furzt und somit den Beweis für die Überwindung seiner Menschenfurcht erbringt, setzen auch Mannys notorische Blähungen wieder ein, sodass dieser gütig lächelnd und flatulierend ins offene Meer hinaus rauscht und eine verdutzte Menschenmenge zurücklässt sowie einen Vater, der seinem Sohn Hank milde zunickt.

 

Auch wenn es offensichtlich ist, dass bei diesem Film eine ganze Reihe von Themen wie etwa Versöhnung, Freundschaft, soziale Ängste, Selbstüberwindung, kulturelle Normen und natürlich Liebe angerissen werden, so stellt sich doch die Frage: was ist das eigentliche Oberthema? Natürlich lässt diese sich nicht beantworten, ohne eine zweite Schlüsselfrage zu stellen, die den passionierten Hermeneutiker unweigerlich beschäftigen muss, nämlich: wer oder was ist Manny bzw. wofür steht er? Die naheliegendsten Antworten hierauf seien kurz referiert.

 

Zunächst bestünde da die Möglichkeit, in Manny lediglich eine Einbildung Hanks zu sehen, welcher wiederum möglicherweise an dissoziativer Identitätsstörung, Schizophrenie oder einem anderen psychotischen Zustand leidet. In der Tat drängt sich diese Interpretation kurz vor Ende des Films regelrecht auf, wird aber in dem Moment unlogisch, in welchem alle Umstehenden Manny ebenfalls grinsend im weiten Ozean verschwinden sehen.

 

Ein weiterer Vorschlag wäre, dass es sich bei Manny um ein Sinnbild für Hanks Seele handelt, welche, so die These weiter, zum Filmende hin in Hank selbst wieder zum Leben erweckt wird, weswegen der sichtbare Manny Hank nun guten Gewissens sich selbst überlassen kann. Legt man aber das wohl gängigste, nämlich das auf Platons Überlegungen basierende Menschenbild zugrunde, so wäre die Seele nicht nur das rationale, sondern auch das emotionale Zentrum des Menschen ohne welches keine gefühlsmäßige Regung der Person möglich sein dürfte. Allerdings sind bereits zu Beginn des Films bei Hank deutliche Zeichen von Trauer, Verzweiflung, Wut aber auch Hoffnung erkennbar.

 

Wieder einer anderen Theorie zufolge ist Manny im Freudschen Sinne als Hanks Es zu deuten, welches sich im ständigen Widerstreit mit Hanks (sozialem) Gewissen oder, in Freuds Terminologie, seinem Über-Ich befindet. Da allerdings im Film alle auf das Gewissen bezogene Bedenken von Hank selbst geäußert werden, würfe dieser psychoanalytische Deutungsansatz die Frage auf, wo sich eigentlich Hanks Ich befindet bzw. ob dieses überhaupt existiert.

 

Ein weiterer psychologisch angehauchter, jedoch weniger abstrakter Vorschlag könnte lauten, dass Hanks anfängliche Ausweglosigkeit gepaart mit großer Hitze und Wassermangel zu einer Art Dritter-Mann-Phänomen geführt hat. Diese z.B. von Bergsteigern in Extremsituationen häufig erlebte Halluzination, bei der plötzlich aus dem Nichts ein scheinbarer Retter auftaucht, wäre zwar für die Anfangsszene plausibel, allerdings stellt sich ja am Ende des Films heraus, dass Hank zumindest die meiste Zeit über keineswegs in einer Extremsituation war, sondern sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zivilisation befand.

 

Einem noch unkonventionelleren Ansatz zufolge könnte man aber auch davon ausgehen, dass es sich nicht etwa bei Hank um den Halluzinierenden handelt, sondern bei Manny. Gleichwohl hinterließe das die quasi nicht beantwortbare Frage, welchen Sinn die ganze Geschichte dann hätte, wo doch Manny, im Gegensatz zu Hank, keine erkennbare Entwicklung durchmacht, sondern am Ende genau derselbe zu sein scheint wie zu Beginn und ebenso im Nichts verschwindet wie er anfangs auch von dort aufgetaucht war. Das alles lässt ihn eher als einen hilfreichen Kobold aus dem Märchen erscheinen und weniger als Identifikationsfigur für den/die Zuschauer*in.

 

Freilich mag es noch weit mehr Deutungsmöglichkeiten zum Film und seinen Figuren geben als hier skizziert und dennoch zeigt auch schon diese kleine Auswahl, dass es nahezu unmöglich sein dürfte, die eine und ein für allemal richtige bzw. gültige zu finden. Deshalb kann man wohl nur folgern, dass wenn es überhaupt ein Oberthema dieses ungewöhnlichen Filmes gibt, dieses unbedingt mit den Grenzen der Allegorese als solcher zu tun haben muss. Das Daniels-Spielfilmdebüt erinnert somit unweigerlich an Susan Sontags Feststellung, statt der Hermeneutik brauche es endlich eine Erotik der Kunst.2

 

Das muss selbstverständlich nicht bedeuten, dass alle soeben genannten Interpretationsansätze grundsätzlich falsch sind. Ganz im Gegenteil: vielmehr sollte man all diese Möglichkeiten als potentiell zutreffend betrachten. Immerhin, folgt man Arthur C. Danto, so ist die Bedeutung einer Metapher, wie die der beiden Hauptfiguren im Film, an ihren strukturellen Kontext gebunden.3 Allerdings wechselt dieser ständig, sodass sich eine Benjaminsche Behandlung der beiden als Allegorien anbietet, da selbige mit einem potentiell unendlichen Bedeutungsspektrum ausgestattet sind.

 

Und dennoch erwecken die Protagonisten, insbesondere jedoch Manny, auch den Eindruck, als Symbol zu fungieren, welches, so Walter Benjamin, jegliche Bedeutung in sich selbst verbirgt und durch die hieraus resultierende Trennung von Signifikant und Signifikat auf die ultimative Versöhnung der beiden, also letztlich den Messias selbst, verweist.4

 

Tatsächlich erfüllt gerade Manny auch auf narrativer Ebene insofern eine messianische Funktion, als er Hank rettet – zunächst vor dem physischen Tod, dann vor dem sozialen und zu guter Letzt vor dem emotionalen. In diesem Sinne lässt sich Swiss Army Man geradezu als eine Illustration des sog. G-ttesknechtsliedes (Jes 53) betrachten.

 

Ganz zu schweigen davon, dass das Zentralmotiv der Geschichte das der Auferstehung zu sein scheint. Zunächst ereignet sich diese in leiblicher Form bei Manny, schließlich jedoch auch in geistiger bei Hank. Der kinematografische Kern des Ganzen lässt sich daher berechtigterweise als auf Hes 37 und vor allem 1 Kor 15 basierende Improvisation erleben. Schließlich wird im letzteren Text die Auferstehung des Messias zum Präzedenzfall für das Schicksal aller Gläubigen erklärt. Das spiegelt letztlich auch der Film wieder – und das sogar unabhängig davon, ob dies der ursprünglichen Intention der Macher entsprochen haben mag oder nicht.

 

Man könnte es mit den Worten des fiktiven Dr. Ian Malcolm aus Jurassic Park sagen: „Das Leben findet einen Weg“ – und die Kunst, wie soeben demonstriert, sogar gleich mehrere.

 

 

1https://www.rogerebert.com/interviews/a-beautiful-movie-about-farting-the-daniels-on-swiss-army-man

2Sontag S 2016. Gegen Interpretation. In S Sontag, Standpunkt beziehen: Fünf Essays, S. 22. Stuttgart: Reclam.

3Liessmann KP 1999. Philosophie der modernen Kunst, S. 157. Wien: Facultas.

4Benjamin W 1993. Ursprung des deutschen Trauerspiels. Frankfurt: Suhrkamp.

Zuletzt aktualisiert: Montag, 25. Februar 2019
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