Quite a Place

Einige Filme der jüngeren Vergangenheit, die im weitesten Sinne dem Horrorgenre zuzurechnen sind, wie etwa The Purge oder Get Out, haben es vorgemacht: Interesse und Spannung entstehen vor allem durch eine innovative Grundidee. Eine solche trägt auch ganz eindeutig die sonst bisweilen konstruiert wirkende Handlung von A Quiet Place. Erzählt ist Erstere recht schnell: die Erde wird invadiert von einer offenkundig extraterrestrischen Lebensform, die zwar keinen Seh-, dafür jedoch einen umso sensibleren Hörsinn besitzt, den sie nutzt, um alle sonstigen Lebewesen aufzuspüren und zu vernichten. Einzige Überlebenschance der Menschen ist also, kein Geräusch von sich zu geben, was freilich die Kommunikation untereinander deutlich erschwert. Der (anfangs) fünfköpfigen Familie, die im Zentrum des Films steht, gelingt dies dennoch, da Gebärdensprache, aufgrund der Gehörlosigkeit der ältesten Tochter, ohnehin die interne Lingua franca bildet.

 

Interessant und spannend ist diese Prämisse aus zweierlei Perspektiven: zum einen aus der technischen, weil die extreme Reduktion auf das akustisch Wesentliche dem Sounddesign einiges abverlangt und selbiges zugleich sehr in den Vordergrund hebt. Dies konnte in Kinos weltweit anhand der nach dem Film noch immer überall herumstehenden, vollen Popcorneimer beobachtet werden, die davon zeugten, dass die Besucher es nicht gewagt hatten, während der Vorstellung zu kauen und dadurch ggf. ein Geräusch zu erzeugen. Interessant ist dies zum anderen aber auch aus zeitgeschichtlicher Perspektive. Wenn man bedenkt, dass A Quiet Place kurz vor dem siebzigsten Geburtstag Israels (in den USA sogar am letzten Tag von Pessach) erschien, so drängt sich die Interpretation des Schicksals der Menschen im Film als Metapher für jüdisches Leben vor 1948 beinahe auf. Auch hier war das Überleben häufig nur dann zu gewährleisten, wenn es gelang, die jüdische Identität zu verbergen, unerkannt zu bleiben, gewissermaßen also kein Geräusch von sich zu geben. Ähnlich wie Stanley Kubricks Shining lässt sich also auch A Quiet Place als sublimierte Kritik am Antisemitismus und, in letzter Konsequenz, der Schoah lesen.

 

Neben einigen gleichermaßen eindeutigen wie auch belanglosen, cineastischen Reminiszenzen, z.B. an Titanic (die beiden im Maissilo zu versinken drohenden Kinder) oder Jurassic Park (das im Auto von einem Monster attackierte Geschwisterpaar), tritt mitunter auch eine ambivalentere Allegorik zutage. So ist in der Szene, in der die Mutter der Familie (gespielt von Emily Blunt) auf der Treppe in einen hervorstehenden Nagel tritt, die Anspielung auf Kevin allein in New York offensichtlich. Zugleich lassen sich hier jedoch auch ikonographische Bezüge zur Kreuzigung feststellen. Letzteres deckt sich auch mit der zweifelsohne religiös motivierten Metaphorik der folgenden Szenen.

 

Zum eigentlichen Auslöser des filmischen Showdowns gerät die erneute Schwangerschaft der Mutter. Während schon die geräuschlose Zeugung kaum vorstellbar erscheint, so ist die geräuschlose Entbindung gänzlich unvorstellbar. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelingt die Geburt dennoch, führt allerdings dazu, dass nun sowohl Mutter als auch Kind von einem der außerirdischen Drachen bedroht werden. Gefahrenlage, Personal und Konstellation sind also mit Offb 12 identisch. Entgegen den gängigen Auslegungstraditionen dieses Textes, nämlich der hagiologischen, welche die Mutter mit der Jungfrau Maria identifiziert, und der ekklesiologischen, derzufolge es sich bei der Frau um die Kirche handelt, eröffnet der Film eine erfrischend andere Sichtweise: aufgrund eines durch das Monster ausgelösten Wasserrohrbruchs, läuft der Keller, in dem sich Mutter und Kind befinden, voll mit Wasser, weswegen man plötzlich den Neugeborenen, wie Mosche (Mose) im Nil, in seinem Kinderbett durchs Wasser treiben sieht. Es ist also der jüdische Religionsstifter selbst, der hier gewissermaßen als Typos des Messias fungiert und somit eine israelogische Interpretation von Offb 12 ermöglicht, die biblisch-theologisch betrachtet durchaus Sinn ergibt. Der Heiland ist demnach nicht mehr nur Individuum, sondern vor allem Repräsentant des auserwählten Volkes oder, um es mit Henry Wheeler Robinsons Worten auszudrücken, corporate personality. Dies entspräche auch dem Wortlaut von Jes 49,3, wo, anders als in Kapitel 53, nicht eine Einzelperson, sondern das gesamte Volk Israel als Knecht des Schöpfers identifiziert wird.

 

Trotz allem handelt es sich hierbei freilich nur um eine Andeutung, nicht etwa eine Nach- bzw. Neuerzählung, weswegen denn auch das vermeintliche Erlösungsopfer nicht von besagtem Kinde, sondern von dessen Vater dargebracht wird. Dieser beginnt nämlich laut zu schreien, um die Aufmerksamkeit der außerirdischen Kreatur von seinen beiden älteren Kindern ab- und auf sich selbst zu lenken. Sein unvermeidliches Schicksal ist dabei gleichermaßen ein emotionales Highlight wie auch dramaturgisch sinnlos. Dies entpuppt sich jedoch erst ganz am Ende des Films, welches sich ähnlich einfallslos gestaltet wie das der 2001 erschienenen Komödie Evolution, da beide auf dem Gedanken beruhen, jede unbekannte Lebensform besitze genau eine Achillesferse, die es lediglich auszumachen gilt.

 

Ohne also genau zu verraten, was letzten Endes passiert, kann man wohl sagen, dass die Klangwelt des Films und vor allem dessen geradezu barocke Metaphorik den gegen Ende in sich zusammenbrechenden Spannungsbogen der Geschichte deutlich in den Schatten stellen. Es lohnt sich daher unzweifelhaft, diesen Film zu sehen. Allerdings idealerweise nicht häufiger als ein Mal.

Zuletzt aktualisiert: Sonntag, 6. Januar 2019
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