Horror!

Offenbar ist es heutzutage schlicht und ergreifend zu tolerieren, dass sog. Biodeutsche, wie z.B. Thilo Sarrazin, einem die arabische Kultur und Denkweise erklären. So wie es wohl auch hinzunehmen ist, dass Christen, wie etwa Arno Backhaus,1 einen über das heidnische Brauchtum belehren. Im letztgenannten Fall besteht die Tragik vor allem darin, dass die hierzu berufen Geglaubten nicht nur sich, sondern auch ihre Glaubensgeschwister lächerlich machen. Nicht zuletzt dadurch, dass sie überholte Deutungsmodelle aus dem 19. Jahrhundert bemühen, welche bspw. einen Zusammenhang zwischen Halloween und dem keltischen Samhain-Fest zu konstruieren versuchen. Entgegen dem paulinischen Hermeneutikprinzip, alles zu prüfen und lediglich das Gute zu behalten,2 werden derartige Hypothesen nur all zu gern als Tatsachen erachtet und ungefiltert weiterverbreitet. Dabei sind ausgehöhlte Kürbisse natürlich auch nicht mehr oder weniger christlich als mit Lametta behängte Tannenbäume. Dennoch gilt Letzteres als legitim, Ersteres aber nicht und das anscheinend nur, weil es hierzulande weniger verwurzelt ist. So entpuppt sich die vermeintliche Apologetik bei genauerem Hinsehen als fromm verbrämte Deutschtümelei.

Noch bedauerlicher ist allerdings, dass im Zuge solch unsachgemäßer Kulturkritik nicht selten auch das gesamte Horrorgenre in Bausch und Bogen für wertlos da unbiblisch erklärt wird. Indes hinkt die Verurteilung angeblich okkulter Gewaltverherrlichung der religiösen Realität völlig hinterher. Immerhin erschien bereits im Jahr 2004 der erste christliche Splatterfilm, und zwar unter dem Titel Die Passion Christi. Acht Jahre später folgte dann mit Possession ein jüdisches Pendant. Natürlich konnte Letzteres in Sachen Brutalität nicht mit Mel Gibsons Blutorgie mithalten, was aber auch daran lag, dass der Film eher in der Tradition von Der Exorzist stand.3 Im Gegensatz zu diesem Klassiker von 1973 rief Possession jedoch nicht nur Ablehnung seitens der religiösen Community hervor. Im Gegenteil: einige praktizierende Gläubige waren sogar aktiv an der Produktion beteiligt und sind teilweise auch auf der Leinwand zu sehen.

Dennoch ist den selbsternannten Apologeten kein Vergleich zu geschmacklos, um dem Publikum den Spaß am Horror gründlich zu verderben. Wer sich bspw. Get Out ansehe, dem müsse auch ein Genozid in der Realität gefallen, heißt es da sinngemäß. Hier rächt sich offenkundig, dass ein idealistischer Ästhetikbegriff zum Apriorismus christlicher Erkenntnistheorie geworden ist, wie er zwar noch bei Nietzsche durchschimmerte, allerdings schon bei Adorno konsequent abgelehnt wurde. Während Ersterer davon ausging, jegliche durch Hässliches, Lebensfeindliches, Brutales und Beängstigendes erzeugte Spannung müsse sich innerhalb der Kunst humoristisch auflösen,4 empfand Letzterer dies als Vortäuschung einer heilen Welt und mithin als geradezu barbarisch. Die Erfahrung der Schoa bedeutete ihm eine derartige Zäsur, dass er die Thematisierung des Hässlichen und des Horrors von der Kunst nicht nur erhoffte, sondern sie regelrecht darauf verpflichtete.5 Eine bessere Welt könne es nur geben, so seine These, wenn man die bestehende immer wieder an ihre Unvollkommenheit erinnere.

Nun darf man nicht vergessen, dass dieser Gedanke aus einer Zeit stammt, in der Werk und Welt noch einigermaßen voneinander zu unterscheiden waren, was jedoch im Zeitalter der virtuellen Realität längst nicht mehr der Fall ist. Bereits über das gute alte Fernsehen hatte Günther Anders geschrieben, es erzeuge Phantome, indem bei seinen Bildern Schein und Realität in eins fielen.6 Eine Unterscheidung zwischen Original und Kopie bzw. Fälschung wird somit zunehmend unmöglich, was aber letztlich gut zur Programmatik der Postmoderne passt: niemand muss mehr kreieren; es genügt zu zitieren. Und das möglichst ironisch. Auf diese Weise ist der inzwischen omnipräsente Sarkasmus zu einer Autoimmunerkrankung geworden. Der Humor hat keine Chance mehr, irgendwelche Spannungen aufzulösen, er erzeugt vielmehr neue. Insbesondere in Form des Trollings. Dennoch muss das nicht das vielbeschworene Ende der Spaßgesellschaft bedeuten. Die wird es mit Sicherheit auch weiterhin geben, und zwar als eine von unzähligen Gesellschaften in einer von unzähligen Filterblasen. Denn hierfür bieten sog. soziale Medien ideale Voraussetzungen. Der Preis dafür sind lediglich die eigene Privatsphäre, Würde, Selbstbestimmung und Zurechnungsfähigkeit. Unter den schützenden Fittichen des allwissenden Algorithmus kann der User endlich selbst zum Medium mutieren und soeben konsumierte (Falsch-) Informationen unmittelbar und ungefiltert wieder auskotzen. Wer dies auf besonders brachiale Weise tut, hat gute Chancen, wahrgenommen zu werden. Als Folge dessen werden nicht mehr diejenigen gehört, die die besten Argumente haben, sondern diejenigen, die am lautesten brüllen.7 Doch wogegen noch anbrüllen, wovor sich noch fürchten, wenn die Natur gezähmt ist, der Wohlstand garantiert und die Gesundheit ge- bzw. versichert?

Hierfür hat das postfaktische Zeitalter eine kreative Lösung: echte Angst wird ersetzt durch künstlichen Hass. Vom Humor ist hier nichts mehr zu erwarten. Der hat sich in Form opportuner Polemik selbst verraten. So bleibt das einzige Mittel, das dem künstlichen Hass ästhetisch noch entgegenzusetzen ist, die künstliche Angst. Auch diese kann aber nur funktionieren, wenn sie an echte menschliche Urängste anknüpft. Gelungen ist das u.a. in der 2017 erschienenen Neuverfilmung von Stephen Kings Es. Auch wenn der Streifen natürlich zu einem großen Teil von seinen Jump-Scares lebt, so erschrecken diese den Zuschauer lediglich, erzeugen aber keine Angst. Weshalb sich auch vor einem albernen Clown fürchten? Nein, die eigentliche Angst wird auf der Metaebene erzeugt, die offenkundig von etwas viel elementarerem handelt, nämlich vom Erwachsenwerden. Und wer würde das schon wollen angesichts der Erwachsenen im Film, die allesamt voreingenommene, emphathielose, manipulative und sarkastische Besserwisser sind?

Hier berühren sich also Film und Realität: das Erwachsenwerden ist unausweichlich, genauso wie die Mutation durch Nutzung sozialer Medien unausweichlich ist. Das Ergebnis ist dasselbe. David Ben-Gurion war zwar der Ansicht, wer nicht an Wunder glaube, könne kein Realist sein, aber biblisch-theologisch betrachtet sind Wunder immer der Anfang von etwas Neuem, nie das Ende. Wer also noch an ein gutes Ende von bzw. mit Facebook & Co. glaubt, der ist kein Realist, sondern naiv.

Während in der mutierten Gesellschaft nur noch eine Art der Angst sozial legitimiert ist, nämlich die, etwas zu verpassen, bietet das Horrorgenre – egal ob in Film, Hörspiel, Literatur, Theater, Performance oder Brauchtum – eine Konfrontation mit echten Urängsten. Zum einen gibt das dem Rezipienten ein Stück seiner verlorengegangenen Menschlichkeit zurück. Und zum anderen kann auch künstlich erzeugte Angst echte Traumata erzeugen. Das Besondere hierbei: Traumata bedürfen der Bewältigung, welche wiederum ohne gründliche Reflexion nicht denkbar ist. Eine weitere menschliche Fähigkeit, die bei exzessiver Nutzung sozialer Medien unabwendbar verkümmert.

Nun sollte nicht der Eindruck entstehen, Horror sei lediglich das kleinere Übel. Ganz im Gegenteil ist es ja so, dass gerade die Bedrohlichkeit des jeweiligen Schreckens einer Situation bzw. einem Werk eine Erhabenheit verleiht, welcher man sich – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht entziehen kann. Wer sich auf diese Erfahrung nicht einlässt, verpasst etwas. Wer sie aber anderen verbieten will, handelt diktatorisch.

 

1https://agwelt.de/2015-10/den-horror-feiern/

21Thess 5,21

3https://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=540818

4Stegmaier W 2005. Friedrich Nietzsche (1844-1900). In S Majetschak (ed.), Klassiker der Kunstphilosophie: Von Platon bis Lyotard, 199-222. Munich, Germany: C. H. Beck. S. 205.

5Lindner B 2014. Kritik und Weiterarbeit: Zu Adornos Theorie der Kunstautonomie. In M Quent/E Lindner (eds.), Das Versprechen der Kunst: Aktuelle Zugänge zu Adornos ästhetischer Theorie, 157-186. Vienna, Austria: Turia + Kant.

6Anders G 2018. Die Antiquiertheit des Menschen 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. Munich, Germany: C. H. Beck.

7Lanier J 2018. Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now. New York, NY: Bodley Head.

 

Zuletzt aktualisiert: Sonntag, 25. November 2018
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